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Legende: [+] steht für Lauris Sicht; [*] steht für Akis Sicht



...wie Schnee

Kapitel 1


[+]


Vorsichtig fährt der Wind durch die kahlen Äste des Baumes, auf dem ich sitze. Die dünnen Zweige knacken leise und schaukeln auf und ab. Ich richte den Blick nach oben und kneife die Augen zusammen. Die dicken Äste über mir tragen ihre weiße Last und bleiben regungslos. Es ist, als hätten sie Furcht davor ihre kostbare Fracht zu verlieren. Die Luft ist so kalt... Als würde man Glassplitter einatmen. Aber ich spüre es kaum noch. Ein Gefühl, das alles andere unwichtig erscheinen lässt und mich die physischen Leiden vergessen macht, ist über mich gekommen. Schleichend wie ein Schatten, der in der Dunkelheit gewartet hat. Diese Stille und Bewegungslosigkeit in mir macht mir Angst. Ich kenne dieses Gefühl nicht. Es ist so intensiv und entgültig. Ich habe Kummer empfunden, Bedauern, manchmal auch Reue. Jetzt hüllt mich etwas ein wie Seide, weich und ermattend, und trennt mich von dem Leben, das sich unter mir auf den Strassen dieser Stadt abspielt. Das fremde Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, an was erinnert es mich nur?

Auf der anderen Straßenseite öffnet sich auf meiner Höhe eine große Glastür und ein junger Mann tritt hinaus auf den Balkon. Er stützt sich auf dem kunstvoll mit Ornamenten verziertem Geländer ab und blickt hinunter auf den Bürgersteig. Er wartet. Auf was? Auf wen?

Ich kenne ihn. Ich erinnere mich an seinen Geruch, herb und männlich. An seine Stimme, ruhig und liebevoll. Sein Lachen hallt in meinen Ohren wider und vor meinen Augen schwirren Erinnerungsfetzen. „Aki.“

Er hebt den Blick, verwirrt mustert er den Baum, seine Augen bleiben an dem Ast hängen, auf dem ich bis eben saß. Er ist der einzige, auf dem kein Schnee liegt. Die Rinde glänzt nass. Der junge Mann zuckt mit den Schultern und geht wieder in seine Wohnung zurück. Mit klopfendem Herzen presse ich mich fester gegen die Rückseite des Baumstammes hinter den ich mich geflüchtet habe. Das ist sein Name. Ich weiß es. Aber woher? Zitternd wage ich einen vorsichtigen Blick auf das Mietshaus, in dem der Mann wieder verschwunden ist. An fast allen Fenstern glänzen und blinken Lichter und Sterne. Bald ist Weihnachten...

Leise, husche ich über die schlammige Strasse. An beiden Seiten ist der Schnee zu kleinen Gebirgsketten aufgetürmt. Bald schon wird es dunkel sein. Im weißen Himmel hängen graue Schleier, die die Nacht ankündigen. Ich stehe im Hauseingang und drücke gegen die robuste Tür, die mit einem lauten Klicken nachgibt. Diese Tür ist nie abgeschlossen, schießt es mir durch den Kopf. Woher weiß ich das? Ich schleiche die Treppen hinauf, bis ganz nach oben. Dort bleibe ich vor einer weiß gestrichenen Tür stehen. Ein kleines Schild über der Klingel verkündet: ‚Hakala’. Das ist er. Ich bin mir sicher. Wie von selbst drücke ich den kleinen Knopf. Aus der Wohnung dringt ein leises Summen. Ich halte den Atem an.


[*]


Ich renne quer durch die Wohnung und reiße die Tür auf. Wie erwartet steht er da. Wir waren nur wenige Stunden getrennt, doch ich habe ihn so sehr vermisst, als wären es Tage gewesen. Ich ziehe ihn in meine Arme und schließe wieder die Tür. Hungrig bedecke ich seine Lippen mit meinen. Wie kalt sie sind...

„Lauri!“ Ich packe ihn an den Schultern und halte ihn ein bisschen von mir weg um ihn zu betrachten. Er sieht mich verwirrt an, wirkt sogar ein wenig verängstigt. Auf seiner rechten Wange ist ein kleiner Riss. Das Blut hat aufgehört aus der winzigen Schramme zu treten, der schneidende Wind hat es zum Stillstand gebracht. Sein Mund ist blass, fast schon bläulich, sein Blick ist merkwürdig leer. Was ist passiert?

„A- aki...?“, fragt er scheu, als wäre er sich nicht sicher, dass ich wirklich so heiße. Zaghaft streckt er eine Hand aus und legt sie auf meine Wange. Ich unterdrücke den Drang mich zu schütteln. Auch sie ist kalt wie glatter, harter Marmor. Seine Hand bleibt bewegungslos, die Kälte durchdringt mich. Dann, plötzlich, lächelt er und vergräbt seinen Kopf in meiner Halsbeuge.

„Ja, du bist es. Aki... mein Aki.“ Ich weiß nicht was ich davon halten soll. Irgendetwas sagt mir, dass es nicht wichtig ist. Unwissenheit ist manchmal besser... Wenn er will, kann er mir jederzeit alles erzählen. Wir vertrauen einander. Wir lieben einander.

...Oder?

„Ich wusste es plötzlich nicht mehr. Ich habe so vieles vergessen. Alles auf ein Mal. Ich hatte solche Angst...“ Seine Stimme ist sanft und ruhig. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich höre ihn krampfhaft schlucken. Er versucht nicht zu schluchzen. So weint er immer. Still und regungslos. Die Tränen laufen einfach an seinen Wangen herab und setzen ihren Weg fort... über seine Lippen... seine Kehle...

„Komm... setz dich hin... Lauri...“ Ich führe ihn ins Wohnzimmer und nehme ihm den Mantel ab. Er lässt sich vorsichtig auf dem Sofa nieder und sieht mich ängstlich an. Seine Augen flehen mich an bei ihm zu bleiben, mich mit keinem Schritt weiter von ihm zu entfernen, aber ich muss seinen Mantel an den Kleiderständer hängen. Wieder im Wohnzimmer streife ich ihm die Stiefel von den Füßen und setze mich neben ihn. Sofort graben sich seine eisigen Finger zitternd in meine Hand.

„Es... es tut weh...“, er schiebt langsam seinen schwarzen Pullover hoch und drückt meine Hand gegen seine entblößte Brust, „...es tut so furchtbar weh...“. Meine Handfläche kribbelt auf seiner Haut. Kaum merklich hebt und senkt sich sein Brustkorb. Ich sehe auf, unsere Blicke treffen sich. Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen. Er sieht so schutzlos und verzweifelt aus. Ich habe ihn noch nie so erlebt. Es ist so, als würde ein Fremder in seinem Körper wohnen.

„Spürst du es...? Genau hier...“ Unter meiner Hand, in seinem Brustkorb, flattert es leicht. Viel zu langsam, wie ich finde. Ich entziehe ihm meine Hand und beuge mich vor um ihn zu küssen. Ich fürchte mich. Wovor, das weiß ich selbst nicht. Vor ihm? Vor der Kälte? Vor seinem Herzschlag...?

„Aki. Ich liebe dich so sehr. Alles an dir... Alles...“ Er lässt sich auf das Sofa sinken und ich folge ihm. Ich stütze mich über seinem Kopf ab, traue mich kaum ihn auch nur mit der Hälfte meines Gewichts zu belasten. Ich sehe in seine Augen und erschaudere. Wie oft bin ich schon versunken in diesen unendlich grünen Seelenspiegeln. Ich kenne jeden Punkt, jede dunklere Nuance. Ich bin der Einzige, dem er es gestattet in seine Seele zu blicken. Aber jetzt sehe ich nichts. Stumpfe Leere starrt mir aus diesen schönen Smaragden entgegen. Es sind die Augen eines Toten, in denen die letzten Worte gefangen sind, die nie mehr ausgesprochen werden können.

„Mir ist so kalt... Es ist, als wäre ich in der dunklen, feuchten Erde gebettet. Ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen... Aki... Küss mich, damit ich weiß, dass du da bist...“ Ich lasse mir nichts anmerken, folge seinem Wunsch, tue das, was er von mir Verlangt. Ich küsse ihn und es ist, als würde ich einen Schlafenden küssen. Ich berühre seine Haut und es ist, als würde ich seinen Stein liebkosen.

„Geliebter... Aki! Ich will dich spüren... tief in mir drin... Bitte!“ Und für einen kurzen Moment kehrt Leben in seine Augen zurück. Tränen laufen wieder an seinen weißen Wangen herab. Sie sind die stummen Zeugen dieses schaurigen Szenarios.





TBC...