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Witmung: Allen Rasmus- Slash- Fans, die Lauri genauso verfallen sind wie ich^^



Metal heart


Part 1- crossing the line...

“Name?” Die Stimme das Beamten klingt genervt, er sieht von seiner Schreibmaschine auf und starrt mich mit seinen wässrigen Augen an. Seine Dienstjacke hängt über der Lehne des alten, teilweise abgewetzten Bürostuhls. Auf seinem kurzärmeligen Hemd sind Schweißflecken, seine Stirn glänzt feucht. Es ist mitten im finnischen Winter und diese Fleischkugel schwitzt geradezu ganze Seen. Ungeduldig streicht er sich mit der Hand über seine Halbglatze und nickt mir zu.
„Und? Hat´s dir die Sprache verschlagen? Verunstaltet Gebäude und ist stumm. Hast wohl nicht damit gerechnet, erwischt zu werden, he?“ Er wirft mir einen hinterhältigen Blick zu und sein ergrauter Schnauzbart zittert, als er die Mundwinkel zu einem herablassendem Grinsen hochzieht. Er ist der Bulle und ich bin der Arsch, der erwischt wurde. Ich hab doch nur irgendwelche alten Gebäude als Fläche für meine Graffitis benutzt. Diese gammeligen Gemäuer stürzen doch sowieso bald in sich zusammen. Fuck off.

„Ylönen. Lauri Ylönen.“ Geschäftig hebt der Bulle beide Zeigefinger und tippt steif und ungeübt auf der Schreibmaschine herum. Dann zieht er das beschriebene Blatt daraus hervor und legt es vor mir auf den Tisch. Ich löse mich aus meiner lässigen Haltung und beuge mich nach vorne. Ich nehme den Stift, den mir der schweißige Bulle hinhält und unterschreibe auf dem Blatt, ohne mir den Inhalt näher anzusehen. Mit einem schmalzigen Lachen zieht der Bulle die Augenbrauen hoch und schnappt mir mit seinen Wurstfingern den Zettel aus den Händen.

„Willst du nicht lesen, was du unterschrieben hast? Das könnte sehr unklug sein...“ Soll ich mich bei dem jetzt für seinen väterlichen Rat bedanken? Ich sehe ihm starr in die Augen und verliere kein Wort. Seine Augäpfel zucken ausweichend zur Seite.

„Wozu? Um die Schreibfehler zu korrigieren...?“, frage ich mit spöttischem Unterton. Freundlichen lächelnd beobachte ich, wie sich sein Kopf langsam rosé verfärbt und dann in ein prächtiges Rubinrot umschlägt. Da bekommt man ja Angst, dass dem die Birne explodiert.

„Du hältst dich wohl für sehr schlau Bürschchen... mal sehen, ob es dir noch immer so geht, wenn dein Vater dich hier abholt und ein nettes Sümmchen hinterlassen muss, weil sein Sohnemann unbedingt Chemikalien versprühen musste...“ Bei der Erwähnung von meinem Vater zucke ich zusammen. Jetzt sieht er aus wie eine gigantische Kröte, die einen fiesen Plan verkündet hat und sich mächtig darüber freut. Das ist ja geradezu diabolisch.

„Ich rufe ihn gleich an. Wie praktisch, dass wir deine Telefonnummer schon haben. Ist ja nicht das erste Mal, dass du was verbockst.“ Mit diesen Worten greift er zum Telefon und wählt auch gleich die Nummer. Bei dem Freizeichen sieht er mich an. Was kommt jetzt? Streckt der mir die Zunge raus? Ich will gar nicht wissen wie mein Vater reagiert. Ich kann es mir schon bildhaft vorstellen. Der Bulle nickt mir zu und fängt dann an zu sprechen.

„Matti Ylönen, richtig? Hier Marrki Toulinnen aus dem Polizeirevier. Wir haben ihren Sohn dabei erwischt, wie er Gebäude verschandelt hat. Es muss eine Kaution von 200 Finnmark bezahlt werden, dann können sie ihren Sprössling wieder mitnehmen.“ Was?! 200 Finnmark? Ist der Typ wahnsinnig? Mein Vater dreht garantiert gerade durch. Ich höre eine Stimme aus dem Hörer dringen. Er brüllt wieder rum.

„Ja, ich verstehe sie voll und ganz. Die Jugend von heute hat keinen Respekt mehr... Genau, ich bin auch ihrer Meinung... Wer nicht hören will muss fühlen.“ Ist ja toll, wie gut sich die Beiden verstehen. Die sollten einen Klub gegen die aufsässige ‚Jugend von heute’ gründen. Der Bulle pfeffert zufrieden den Hörer zurück auf die Gabel und grinst mich breiter den je an. Wären seine Ohren nicht im Weg, würde sich das Grinsen über seinen Hinterkopf ziehen. Ich sehe ihn kurz abfällig an und wende dann meinen Blick dem Fenster hinter ihm zu. Mit dem wechsele ich kein Wort mehr. Der wird sein Vergnügen schon haben... sobald mein Vater hier ist...

*20 Minutes later*

„Danke, dass sie mich sofort benachrichtigt haben. Der Junge macht andauernd Probleme...“ Mein Vater streicht sich mit der einen Hand durch die braunen Haare und steckt die andere zwischen die beiden oberen Hemdknöpfe. Das hat er sich von Napoleon abgeguckt. Aber diese herrischen Gesten haben die gewünschte Wirkung. Der Schmalzbulle, der sowieso einen Kopf kleiner ist als mein Vater, reckt sich und versucht nicht ganz so fett und klein neben meinem Vater zu wirken.

„Aber ja! Aber ja doch... das ist doch meine Pflicht als Gesetzeshüter von...“, blablabla. Ich hab schon verstanden. Der Schmalzbulle fühlt sich eingeschüchtert und labert jetzt meinen Vater voll, der ihn irgendwie mit einer Mischung aus Ernst, Verständnis und Arroganz anhört und gelegentlich gnädig mit dem Kopf nickt. Ich wende mich ab und starre apathisch aus dem Fenster. Kann man Bäume hypnotisieren, wenn man sie lange genug ansieht und sich auf die festen Konturen konzentriert? Nein, eher nicht. Hör auf zu spinnen, Lauri.

„Lauri! Komm.“ Kurz und bündig. Ich spüre den festen Griff meines Vaters auf meiner Schulter, der mich zu sich umdreht und zu einem Blick in seine kalten grauen Augen zwingt. Er ist wütend. Es sieht so aus, als würde sich das Grau in seinen Augen winden, als wenn es schon den bevorstehenden Sturm spüren wurde, der sich abspielen wird, wenn wir zu Hause sind. Noch ein Mal pseudo- respektvoll dem Bullen zunicken- immerhin schulden das die Bürger Helsinkis den treuen Gesetzeshütern ihrer Stadt- und dann ab in die Hölle...

Mit eingezogenem Kopf ziehe ich den dicken Daunenstoff meiner Jacke enger um mich. Aber diese Kälte ist nichts gegen die, die mir mein Vater immer zukommen lässt. Ich schüttle mich, öffne schwungvoll die Wagentür des schwarzen Mercedes und lasse mich auf den lederüberzogenen Beifahrersitz fallen. Fast gleichzeitig knallen die beiden Wagentüren zu und mein Vater bleibt reglos sitzen ohne den Motor anzulassen. Was ist denn jetzt schon wieder? Reicht es nicht, wenn er mich zu Hause zusammen macht? Will der mich jetzt mit Schweigen strafen? Ich sehe noch eine Weile abwartend zu ihm, seufze leise, wende dann meinen Blick ab und mache es mir auf dem breiten Sitz bequemer. Neben mir knirscht leise Leder und plötzlich packt eine Hand mich vorne am Kragen meines Shirts, der aus der Jacke guckt. Erschrocken sehe ich in die wütenden Augen meines Vaters, in denen das Grau jetzt geduldig vor sich hin brodelt.

„Was denkst du dir eigentlich dabei du kleiner Idiot?“ Seine Stimme ist leise, kaum hörbar und doch bedrohlich und unheilverkündend. Dann lässt er mich los und schiebt ruhig den Schlüssel ins Zündloch. Der Motor springt an und begleitet mit einem monoton hintergründigem Brummen die wortlose Fahrt vom Polizeirevier bis vor den großen Altbau mit direktem Blick auf den Hafen. In Schweigen gehüllt manövriert mein Vater den Wagen in eine freie Parklücke. Mit einem leisen Rattern erstirbt der Motor. Wieder Türenschlagen, seine festen Schritte, die die Treppen bis zu unserer Haustür hochlaufen. In meinem Magen hat sich inzwischen eine Art Bleiklumpen gebildet. Mir ist schlecht. Ich weiß, was mich erwartet, sobald er das Wohnzimmer betreten hat und mich das erste Mal wieder richtig ansieht.

Er zückt den Hausschlüssel, will gerade die Tür aufschließen, als diese aufgerissen wird und meine Mutter auf mich zustürzt. Sie streckt die Hände nach meinem Gesicht aus, streichelt mir über die Wangen. Ihre dünnen Finger sind eiskalt, ihr Blick ist voll von Sorge und stillem Leid. Es schmerzt mich sie so zu sehen. Sie schließt mich ganz in die Arme und ich kann mich fast nicht mehr zurückhalten, die Tränen brennen in meinen Augen. Dann, die scheidende Stimme meines Vaters.

„Lisa. Lass ihn los. Ich bin noch nicht mit ihm fertig.“ Mit sanfter Gewalt löst er meine Mutter von mir und schiebt sie vor sich in den Flur, ich folge ihm. Die dünne Gestalt meiner Mutter verschwindet lautlos in Richtung Küche. Hannah kommt mir entgegen, fällt mir um den Hals, wuschelt mir in den Haaren.

„Du hast schon wieder Mist gebaut? Ach, Lauri. Du hast ihn sehr wütend gemacht.“, flüstert sie an meinem Ohr. Ich nicke, sehe ihr in die Augen und mache mich von ihr los. Im Wohnzimmer wartet mein Vater auf mich. Ich bleibe in der Tür stehen, werde von der Angst vor dem bevorstehenden zurückgehalten auch nur einen Schritt weiter ins Zimmer zu machen. Mein Vater steht regungslos am Fenster und mustert mich mit einem Blick von offenem Hass. Ich kenne diesen Blick, dieses Schweigen. Ich bin eine Enttäuschung für ihn. Sein einziger männlicher Nachkomme, der ein absoluter Fehlschlag ist. Ich bin relativ schlecht in der Schule. Wieso sollte ich lernen? Um später Arzt zu werden und meinen Erzeuger stolz zu machen? Ich bin respektlos. Soll ich mich etwa vor ihm verbeugen? Ich stehle mich Abends von zu Hause weg, rauche noch eine mit Kumpels, kiffe, trinke. Heißt es nicht, das sind die einzigen Mittel, die Schmerzen erträglich machen, seinen sie nun seelischer oder physischer Natur? Ich probe oft mit meiner Band. Nach meinem Vater sind wir nur eine Belästigung für die edlen Trommelfelder der intellektuellen Leute. Alles in Allem: Ich bin eine totale Null in seinen Augen. Ein sabbernder Prolet, der keine Ahnung hat, dass genau solche Trottel wie ich den Weltuntergang herbeiführen werden.

„Und?“ Seine ausdruckslosen Augen streifen mich, prüfend, abschätzend, ich weiß es nicht.
„Nichts.“, meine ich so trotzig wie möglich und verschränke die Arme vor der Brust. Abwehrhaltung.
„Du hast Gebäude verschandelt, die von Menschen bewohnt werden...“ Seine Stimme wird leiser. Sehr viel leiser...
„Soll ich etwa leerstehende Häuser ‚verschandeln’? Und überhaupt, ich verstehe diesen ganzen Aufstand gar nicht.“ Ich versuche möglichst cool zu bleiben und festige meinen Stand ein bisschen mehr.
„Raus.“ Mein Vater zischt das Wort und wendet sich von mir ab.

Ich habe verstanden. Wenn er „raus“ sagt, dann meint er auch „raus“. Ich gehe wortlos nach oben und packe schnell meinen Eastpack, schnappe mir mein Handy und klopfe leise an Hannahs Zimmertür. Hastige Schritte ertönen, die Tür wird aufgerissen.

„Was hat er gesagt?“ Sie flüstert, die Spannung liegt immer noch über dem Haus.
„Er hat mich rausgeworfen. Wieder...“ Ich lasse den Kopf hängen, starre auf meine demolierten Chucks. Hannahs Hand, die mir gewohnheitsmäßig wieder durch die wasserstoffblonden Haare wuschelt und mit liebevoll in die Wange kneift.
„Du bist ein Dummkopf, Lintu... Geh, ruf einen deiner Freunde an, damit du einen Platz zum Schlafen hast. Ich werde mit Papa reden.“ Ich nicke und umarme sie kurz, bevor ich leise die Treppe ins Erdgeschoss runterschleiche und die Tür hinter mir ins Schloss ziehe.

Der Wind trifft mich wie eine frostige Faust mitten ins Gesicht und ich fange jämmerlich an zu zittern. Schlotternd beuge ich mich nach unten um die dicken Stricksocken weiter nach oben zu ziehen. Tränen rinnen meine Wangen hinab und beißen sich in meiner tiefgekühlten Haut fest. Die Mütze hab ich natürlich drin gelassen. Aber ich gehe nicht noch mal zurück. Verdammt! Weiß er, was er mir da eigentlich antut? Dieser ganze Hass, den er mir entgegen bringt? Er schlägt mich nicht mal .Kein einziges Mal, keine Ohrfeige, nie. Nur diese Wortlosigkeit, mit der er mich immer wieder straft. So, als würde er sich davor ekeln mich zu berühren, oder mit mir zu reden...




Part 2- as good as you...

Krampfhaft unterdrücke ich ein weiteres Schluchzen und ziehe di Nase hoch. Aus den tiefen meiner Daunenjacke pule ich meine ‚fingerlosen’ Handschuhe und streife sie über meine mittlerweile schon tauben Finger . Was bringen jemandem Handschuhe, die die Finger nicht wärmen? Mühsam wähle ich Akis Nummer und halte mir das Handy ans Ohr während ich schon in die Richtung laufe, in der er wohnt. Ich muss mich jetzt schnell sammeln, wenn ich am Telefon verheult klinge, denkt er sich am Ende was- weiß- ich- was...

„Hei, Lintu! Was geht?“ Ich zucke zusammen. Hab mal wieder meine Rechnung ohne Akis ausgeprägte Reflexe gemacht. Dass der immer so schnell abnimmt... Drummer eben.
„Moi. Kann ich bei dir pennen? Mein Alter hat mich wieder rausgeworfen... hab ein bisschen die ‚bewohnten Gebäude’ verschandelt.“ Ich kneife die Augen zusammen und betrachte die Atemwolken, die ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie entstanden sind.
„Ahhh... Herr Ylönen ist wieder einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nachgegangen: seinen Loser von einem Sohn rauszuwerfen!“ Ich höre ihn kichern und ziehe ärgerlich die Augenbrauen zusammen.
„Wie aufbauend du doch bist. Das ist eine deiner ausgeprägtesten Eigenschaften...“, meine ich bissig überquere die Strasse. Schon stehe ich vor Akis Haus und drücke die Klingel. Ich höre ihn erschrocken auffahren.
„Oh, warte. Da hat grad einer geklingelt...“ Ich schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn und seufze.
„Ich habe geklingelt du IQ- Wunder!“ Aki, die alte Intelligenzbestie in Action... Und schon wird die Tür aufgerissen und ich werde in den warmen Flur gezogen. „Schön, dich mal wieder zu sehen!! Meine Alten sind nicht da! Sturmfreie Bude! Du hast ein neues Opfer... oder willst du das von mit ‚bewohnte’ Gebäude nicht verschandeln...?“ Er zwickt mir in ein rotes, vor Kälte taubes Ohr und umarmt mich quietschend. Es gibt kaum ein Mädchen, dass überzeugender kreischen könnte als dieses Prachtexemplar von Jungen...

„Ist ja gut! Ich weiß, dass du mich liebst, Mann...“ Lachend schiebe ich den erstaunt glupschenden Aki von mir und schließe erst mal die Tür, durch die immer noch Schneeflocken ins Haus wehen. Was sind wir den so perplex? Das war ein Scherz, Junge!!
„Ich soll dich lieben?! Woher weißt du das? Ich fühle mich ertappt!!“ Schockiert rollt er mit den Augen und zieht mir laut lachend den Rucksack vom Rücken und mich gleich hinter ihm her die Treppen zum von ihm bewohntem Dachgeschoss hoch. Bei dem verliert jegliche Widerrede ihren Wert. Man muss sich von ihm bemuttern lassen, sonst gibt´s was auf die Nüsse... Kopfschüttelnd lasse ich mich auf seinen dunkelbraunen, flauschigen Teppich sinken und nehme die heiße Tasse entgegen, die mir ungeduldig in die noch relativ bewegungsunfähigen Hände gedrückt wird. Ich setze das Gefäß gleich wieder ab um mich aus der dicken Jacke zu schälen, in der es mir inzwischen entschieden zu warm wird. Dann wende ich mich mit neu gewonnener Konzentration dem Gebräu á la Aki Hakala- Meisterkoch zu und ziehe die Nase kraus. Diese Geste bleibt natürlich nicht unbemerkt.

„Oh, wie süüüüüüß!!!“, schon wieder ein entzücktes Quietschen „Was ist denn? Wenn du dein Näschen kraus ziehst, stimmt meistens etwas nicht. Bist du etwa nicht mit dem Inhalt der Tasse zufrieden...?“, fragt er und ein gespielt bedrohlicher Unterton mischt sich in seine Stimme. Ich schüttle übertrieben abwehrend den Kopf und grinse ihn an. Er ist echt der überzeugendste heterosexuelle Homo, den ich kenne.
„Nichts gegen deine Kochkünste, aber ich wüsste doch gerne, was das sein soll“, meine ich und deute mit dem Zeigefinger in Richtung Tasse in meiner Hand „Wärmen tut es ja, aber kann man´s auch essen?“

„Du enttäuscht mich, Darling. Das ist selbstgemachte Kartoffelsuppe aus der Tüte. Und jetzt iss, sonst wir Mama Aki sauer. Oder... halt, ich hab´s!!!“, ruft er und hebt fröhlich den Finger um mir auf die Nase zu tippen und mich breitmaulfröschig anzugrinsen „Ich füttere dich!!!“
„Nein! Hör auf!“ Etwas grober als gewollt stoße ich seine Hand bei Seite und wische mit dieser Bewegung auch alle freundschaftlichen Späße weg.

Er sieht mich an und ich kann beobachten, wie seine grau- blauen Augen mich nachdenklich mustern und in seinem Kopf Verbindungen gemacht werden. Dann schüttelt er den Kopf und sieht mich mitleidig an.
„Es hat dich mal wieder mehr mitgenommen, als du zeigen willst. Ach, Lintu... nicht weinen...“ Zaghaft nimmt er mich in die Arme und streichelt mir beruhigend über den Kopf. Diese kleine Geste des Verstehens und Trostes reicht, um den Damm einbrechen zu lassen. Ich falle ihm vollends um den Hals und presse mein tränennasses Gesicht gegen seine Schulter. Mir schießt ein Gedanke durch den Kopf. Wieso finde ich immer nur bei ihm den Trost, den ich mir wünsche? Nicht mal Hannah hat es je geschafft in mir ein solches Gefühl von Geborgenheit hervorzurufen. Und wieso ist es schon so eine Art, Gewohnheit, dass ich mich an seiner Schulter ausheule? Und warum ist heute irgendwie alles anders. Es ist dieses merkwürdige Knistern in der Luft.

Ich spüre seine Finger, die auf Wanderschaft gehen und federleicht meine Wirbelsäule entlangtasten. Sein sanftes Murmeln und Flüstern in meinem Ohr, der Atem, der meinen Nacken streift. Ein Schauer jagt mir durch den Körper und lässt mich in seinen Armen erzittern. Was soll das? Berührungen, so leicht wie Schmetterlingsflügel, kaum spürbar. Seine Lippen auf meiner Stirn, auf meinen Wangen, sie streifen mein Kinn, meinen Hals. Ein erstauntes Keuchen, dass sich mit meinen Schluchzern vermischt. Ich richte mich auf und sehe ihn an. Ich weiß nicht, was ich empfinde. Meine Gefühle sind nicht zuzuordnen. Entsetzen? Wut? Ekel? Gefallen...?

„Aki...?“

Mit weit aufgerissenen Augen starre ich in seine ängstlichen Züge. Langsam hebe ich den Arm, streiche mit dem Zeigefinger über seine schwungvoll gerundeten Lippen. Ich höre das Blut in meinen Ohren rauschen.

„Warum tust du das?“

Was hat das zu bedeuten? Ist er etwa wirklich in mich...? Aber das waren doch nur freundschaftliche Wortgefechte. Hat er es etwa die ganze zeit ernst gemeint...? Mein Blick ist wie gebannt. Ich kann nur noch in seine aquamarinblauen Augen starren. Irgendwie ist jedes Fünkchen Grau aus ihnen verschwunden. Blinzeln. Das Blau verdunkelt sich.

„Ach was! War nur ein Scherz, Mann, war nur ein Scherz! Das du alles immer so schwer nimmst...“ Er kichert kurz und gehetzt, sieht mich komisch an. Dann steht er auf. Ich realisiere das erst gar nicht. Bleibe noch einige Augenblicke mit ausgestrecktem Arm auf dem Boden sitzen. Stumme Tränen bahnen sich noch immer den Weg über meine glühenden Wangen. Wieso? Ich wische mir forsch mit dem Ärmel über das Gesicht und lache, laut, unecht.

„Du denkst doch nicht etwa, dass ich wirklich auf dich reingefallen wäre. So ein guter Schauspieler bist du auch wieder nicht! Bild dir ja nichts drauf ein...“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Mein Blick flackert durch den Raum. Ah, da ist die Tasse. Ich leere sie in einem Zug und starre auf ihren Grund, als würde da gerade etwas sehr interessantes passieren.

„Komm! Ich hab mir einen neuen Horrorfilm besorgt, den gucken wir jetzt. Keine Widerrede! Du kannst mir nicht erzählen, dass du den Tassenboden aufregender findest...“ Er nimmt mir die Tasse ab und zieht mich in den Nebenraum.

Er ist wieder ganz der Alte. War das wirklich nur gespielt...?




Part 3- the world is round...?

Aki zerknautscht lautstark die fünfte Chipspackung und wirft sie hinter sich. Der Film ist so schlecht, dass er schon wieder gut ist. Wir sitzen seit geschlagenen zwei Stunden vor dem Fernseher und lachen uns tot. Das ist die reinste Kunstblutverschwendung...

„Hast du das Gesicht von der gesehen? Das war der Hammer!!!“ Aki wirft sich lachend auf die Seite und hält sich den Bauch. Ich muss grinsen. Das Gesicht, dass das Opfer eben gemacht hat, sah eher nach starker Übelkeit und Krämpfen aus, als nach Ängstlichkeit und Horror... Und was soll das überhaupt für ein Killer sein? Das ist ein schlechter ‚Scream’ Abklatsch! Und ‚Scream’ selber war ja schon eine Zumutung! Ich habe schon das Gefühl, dass meine Hirnzellen langsam einweichen und dann gemächlich in sich zusammenschrumpeln.

„Aki, das reicht! Ich hab noch nie einen so schlechten Film gesehen! Da ziehe ich mir lieber zum 1000sten Mal den Exorzisten oder Nosferatu rein...“, meine ich und versuche dem noch immer lachendem Aki die Fernbedienung zu entwinden. Doch der ist plötzlich still und starrt mir herausfordernd in die Augen während seine Finger die Fernbedienung fester umschließen. Ach nee... der will doch jetzt nicht etwa seine Kräfte mit mir messen...? Na gut, er wollte es nicht anders!

„Gib lieber auf, sonst steckst du eine peinliche Niederlage ein, mein Lieber!“, säuselt Aki und versucht gefährlich auszusehen.
„Nur über meine Leiche...“, presse ich zwischen den Zähnen hervor, weil ich schon angefangen habe an meinem Teil des Plastikgehäuses zu ziehen. Das frustrierende an der Sache ist, dass ich nicht einen Millimeter Territorium gewinne. Das ist unfair! Gegen Akis Armmuskulatur kommt doch kein normalsterblicher Gelegenheitsdrummer an! Keuchend starte ich einen erneuten Versuch meine Ehre zu retten, jedoch ohne sichtlichen Erfolg. Plötzlich zucken Akis Mundwinkel und er grinst mich fies an. Was hat der jetzt schon wiede........ aaaahh!!!

„Und? Darf ich die Fernbedienung jetzt behalten...?“ Also ‚nein’ kann ich jetzt eh nicht sagen, dafür bin ich eindeutig in der falschen Position...
Aki hat mich mit einer schnellen Bewegung auf seinen Schoß gezogen und hält nun meine rechte Hand mitsamt der Fernbedienung fest umschlungen. Ich lasse es zu, dass er sie mir abnimmt und neben sich auf das Sofa legt.
„Mann, du bist total fies, Aki!“, nörgle ich und ziehe die Nase kraus. Fehler! Das hätte ich nicht tun sollen...

„Hm... Lauri... das macht mich voll an, wenn du so dein schnuckeliges Nässchen kräuselst...“, haucht der Lustmolch plötzlich an meinem Ohr und schon ist sein Finger auf meinem ‚Nässchen’ und tippt belehrend auf die Spitze. Was haben nur alle mit meiner bescheuerten Nase?!
„Nimm deine Wichsgriffel von mir, du Perverser!“, meine ich trocken und schüttle den störenden Finger ab.

„Aua!! Pass doch auf du Grobian...“ Er ist aufgestanden ohne die Tatsache weiter zu beachten, dass ich immer noch auf ihm saß. Grummelnd sehe ich ihm beim Aufräumen zu und reibe mir mein schmerzendes Hinterteil, auf dem ich unsanft gelandet bin.
„Wie viel Uhr ist es, Lauri?“

Verwirrt blicke ich hinter mich und sehe auf die Digitalanzeige des Video- Rekorders. „18:24, wieso?“
„Weil ich um 21 Uhr im Nosturi auftrete, Schnucki! Du kennst doch die Leute von Kwan? Ich muss heute mal wieder einspringen...“
„Yes!“ Freudig springe ich auf und hibbele ausgelassen von einem Bein auf das Andere.
„Wieso hast du das nicht früher gesagt? Du weißt doch, wie gerne ich dir beim Spielen zusehe!!“
„Tja, dann also jetzt: Überraschung! Du darfst mich heute mal wieder in Höchstform erleben!!“ Er grinst mich kurz an und verschindet dann in die Küche um die Abfälle zu entsorgen.

Ich setze mich wieder auf das Sofa und sehe in die Richtung, in die er verschwunden ist. Ich frage mich wie lange ich es wohl noch mit Janne aushalten werde, wenn ich dauernd im Hinterkopf habe, dass ich einen viel besseren Drummer für die Band hätte... Wenn ich jetzt an Janne denke, werde ich direkt wieder total wütend! Dieser Typ braucht irgendwie immer Ferien und möglichst viele Pausen und er kann nie richtig durcharbeiten. Dazu kommt noch die Tatsache, dass er die ganze Zeit bekifft ist. Kein Wunder also, dass er sich schon das halbe Hirn geräuchert hat. Und dann versucht der auch noch uns zu erpressen, weil er wirklich denkt, er wäre ja so unentbehrlich...
Seufzend stehe ich auf und gehe zu Aki in die Küche, in der er gerade den Abwasch macht. Ich schnappe mir ein Küchentuch und trockne ein paar Teller ab.

„Wieso bist du nicht unser Drummer?“, denke ich laut. „Diesen kiffenden Hippie ertrage ich nicht mehr lange...“ Eine Hand auf meiner Schulter.
„Hei, Lauri. Jetzt sei nicht so pessimistisch! Immerhin hat dieser Hippie dazu beigetragen, dass ihr erfolgreich euer erstes Album aufnehmen konntet. Und bald kommt´s auf den Markt und dann machst du dicke Kohle!“ In seiner Stimme schwingt Bitterkeit mit, die im Rauschen des Wassers untergeht. Er hält von Janne genauso viel wie ich.
„Ja, ganz toll. Und das Geschäft läuft nicht so gut, wie es scheint. Du wirst´s nicht glauben, aber unser Produzent will, dass eins unserer nächsten Alben nur finnische Texte hat. Kannst du dir das vorstellen? Und dabei ist unser erstes Album noch nicht mal raus!“ Etwas angepisst werfe ich das Tuch auf den Küchentisch und setze mich auf einen Stuhl.

„Ach komm, das wird schon wieder. Dann machst du eben noch zwei Alben und wechselst dann den Produzenten, wenn dieser Fanatiker sich nicht umstimmen lässt.“ Ich starre ihn verwundert an. Er nickt mir leicht zu und trocknet noch schnell das Besteck ab. Warum scheint alles so einfach zu sein, wenn er es sagt? Tief in mir drin weiß ich, dass er recht hat und das das die beste Lösung ist. Es ist so leicht. Wieso bin ich da nicht von alleine darauf gekommen?
„Mach dir keinen Kopf, ja? Das wird alles noch. Du kannst nicht von einem Tag auf den anderen Megastar werden.“




Part 5- blonde hair...

[ aus Aki´s Sichtweise]

Ein einzelner Lichtstrahl zwängt sich durch den Rillen zwischen den einzelnen Gliedern der Rollläden und blendet mich. Mit einem widerwilligen Murmeln hebe ich einen Arm über mein Gesicht und drehe mich auf den Bauch. Aber irgendwas lässt mich keine Ruhe finden. Es ist so warm. Im ganzen Bett... Grobmotorisch strecke ich die Hand aus und taste vorsichtig über mein Kopfkissen, bis ich weiches Haar zwischen die Finger bekomme. Erschrocken reiße ich die Augen auf und ziehe wie von der Tarantel gestochen die Hand wieder zurück. Ja, Haare. Wasserstoffblonde Haare, neben mir, in meinem Bett, auf Lauris Kopf. Oh mein Gott! Ich habe zusammen mit Lauri in einem Bett geschlafen! Meinen Kopfschmerzen zufolge ist das nur möglich, weil ich gestern wieder etwas zu tief ins Bierglas geguckt habe. Nüchtern und im Besitz all meiner Geisteskräfte hätte ich mich niemals so nah an ihn herangewagt...

Sachte berühre ich das helle Haar mit meinen Fingerkuppen und rücke unwillkürlich näher an den schlafenden Körper neben mir. Ich schließe kurz die Augen und sauge tief seinen Duft und die Wärme, die von ihm ausgeht in mich ein. Sein Gesicht hat etwas, dass ihn versunken aussehen lässt. Was er wohl gerade träumt? Sehnt er sich nach dem Ort zurück, von dem er kam? Sieht er gerade auch einen kleinen Engel, der auf die Erde gefallen ist? Ein Lächeln zuckt über mein Gesicht. Ja, ein kleiner Engel...

Der Lichtstrahl, der mich geweckt hat, streichelt nun Lauris niedliche Stupsnase, die ich schon so oft küssen wollte. Immer dann, wenn er beleidigt ist und sie hebt, als wolle er mir zeigen, dass er der Überlegenere ist... Wenn er nur wüsste, dass er das eigentlich auch wirklich ist...

Ein leises Gemurmel von ihm lässt mich zusammenzucken. Meine Hand erstarrt nur ein paar Millimeter von seiner Wange entfernt und verweilt bewegungslos. So lange, geschwungene Wimpern... SO sinnliche Lippen... Wie kann ein Junge nur so schön sein...? Wie gerne würde ich wissen, ob diese Lippen wirklich so weich sind, wie sie aussehen. Oder hat der Winter sie schon ein Wenig rau gemacht...?

Okay, das reicht jetzt, Aki!!! Du stehst jetzt auf und machst Frühstück. Sonst hat das kein gutes Ende... dein Blut hat sich eh schon entschlossen die tieferen Regionen zu versorgen... Das kann ich mir wirklich nicht leisten...

„Hm... Mama...“ Häh? Aaaaaahhh... nicht gut! Gar nicht gut!!!! Waaah!!! Immer noch unverständlich vor sich hin brabbelnd dreht sich Lauri auf die Seite und wälzt sich so direkt in meine Arme, in die er sich tiefer kuschelt. Na toll. Jetzt liegt sein Kopf in meiner verdammten Halsbeuge und ich kann jeden seiner Atemzüge spüren... Als ob meine Gänsehaut nicht schon von seinem bloßen Anblick dick genug wäre... Wähähääää... die Welt ist unfair...

„Aki...“, nuschelt der zerknautschte Muffel in an meiner Brust und zieht an meinen T-shirt. Was will der jetzt plötzlich mit meinem Namen? Ach, was soll´s. Der Kleine ist einfach zu kuschelig... Zaghaft lege ich meine Arme fester auf seinen Rücken und ziehe ihn enger an mich. Für einen Augenblick scheint sein Körper sich zu verkrampfen, aber dann seufzt er leise und seine rechte Hand rutscht direkt vor meine Nase. Woah! Ich schmelze gleich...

Wenn jetzt diese Kopfschmerzen nicht wären, dann würde ich wenigstens klar denken können (soweit das mit einem schlafenden Lauri in den Armen eben möglich ist...). Es ist ein so schönes Gefühl einfach hier zu liegen. Dieses Gefühl lässt die Zeit stillstehen und gleichzeitig in schwindelerregender Geschwindigkeit weiterrennen. Es ist so, als ob das unterschwellig angenehme Gefühl, in einer Achterbahn zu sitzen ab und zu aussetzt und mich mit einen harten Ruck wieder zurückreißt. Was ist das...?

Mir wurde dieser Moment gewährt. Ja, jetzt gehört er für kurze Zeit allein mir. Doch sobald er aufwacht, wird alles wieder so sein, wie immer. Ich bin NUR der beste Freund. Ich werde nie mehr für ihn sein... Damit kann ich mich nicht zufrieden geben. Wie soll ich das jemals können...? Liegt es nicht in der Natur des Menschen immer mehr zu wollen?

So vorsichtig wie möglich schiebe ich Lauri von mir weg und löse langsam die Umarmung. Kurz ziehen sich Lauris Augenbraun zusammen und es sieht aus, als würde er gleich anfangen zu schollen. Wie lieb ist das denn? Ein Mal. Ein einziges Mal werde ich es doch wagen dürfen... oder? Mit einem flauen Gefühl im Magen beuge ich mich lautlos über Lauri und berühre kurz seine Nasenspitze mit meinen Lippen. Als ich mich wieder auf richte und schon fast hektisch runter in die Küche renne, senkt sich etwas, wie ein riesiger Schatten über mich. In meiner Brust zieht es und es schnürt mir die Kehle zu. Heiß rinnen die so lange unterdrückten Tränen meine Wangen hinab. Jetzt weiß ich es. Ich bin mir absolut sicher.

Ich habe mich hoffnungslos in meinen besten Freund verliebt.



[ aus Lauri´s Sichtweise]

Unten höre ich Geschirr klappern und eilige Schritte. Mit starr nach oben gerichtetem Blick liege ich in Akis Bett und versuche auf der Decke Muster zu finden. Was war das eben? Was sollte das? Ich hab was komisches geträumt und bin ihm dann wahrscheinlich in die Arme gerollt. Es war ihm doch bestimmt unangenehm so lange mit mir dazuliegen... Aber-... aber wieso hat er mich dann so fest umarmt. Und ich... mein Hirn.... irgendwie hat jede Funktion total ausgesetzt. Ich bin, kurz nachdem ich in seine Amre gerollt bin, aufgewacht, aber ich habe mich schlafend gestellt. Ich hätte doch einfach aufstehen können. Warum habe ich so getan, als würde ich noch schlafen? Was ist nur in mich gefahren? Und dann... als Aki meine Nasenspitze geküsst hat... Ich habe mich fast zu Tode erschrocken... Es war ein so neues, aufregendes Gefühl. Es-... es hat mir gefallen....

Was passiert mit mir? Wieso bin ich so enttäuscht, dass er gegangen ist. Wieso wünsche ich mir jetzt, dass wir länger so dagelegen hätten...?

Küss mich bitte noch mal Aki...




Part 6- fall apart

„Bis dann... A- aki...“, stottere ich. Es sind die ersten Worte, die wir heute gewechselt haben.

Der Schnee knirscht unter meinen Füßen, als ich langsam und darauf bedacht nicht auszurutschen die Treppenstufen vor Akis Haus heruntersteige. Hinter mir höre ich, wie er die Tür leise schließt. Plötzlich ist alles verändert. Ich habe das Gefühl, die Schneeflocken würden tonnenschwer auf mich herabfallen und versuchen mich unter sich zu begraben, zu ersticken. Ich kann ihm nicht mehr in die Augen sehen... Das Frühstück war ein quälendes Ausweichen der Blicke. Ich habe kaum mein Toast runterwürgen können. Mein Hals war so trocken, dass ich am staubigen Brot zu ersticken drohte. Und als sich unsere Blicke dann getroffen haben, entstand eine peinliche Stille in der sich jeder schnell vom Anderen abwendete. Er weiß, dass ich wach war... oder nicht?

„Verdammt!!!“ Die große Atemwolke verdeckt mir kurz die Sicht und ich trete wütend gegen einen Schneehaufen vor mir. Hannah hat gemeint, dass ich noch mal Glück hatte. Vater hat mir erlaubt zurückzukehren. Aber ich durchschaue ihn. Es ist ihm eigentlich egal, wo ich mich herumtreibe. Er tat es nicht aus Sorge um mich, sondern aus Sorge um sein Ansehen, bei seinen snobistischen Bekannten. Er will mich doch nur im Auge behalten um sicher sein zu können, dass ich morgen auch in die Schule gehe. Es wäre ihm ein Gräuel seine Freunde über seinen nichtsnutzigen Sohn diskutieren zu hören. Natürlich würden sie es nicht vor ihm tun, aber hinter seinem Rücken würde das Gerede schon beginnen.

Meine Schuhe bleiben in dem dreckigen Schnee auf der Strasse stecken und ich schlurfe mit schmatzenden Geräuschen über den Asphalt. Eine Sekunde später fährt laut hupend ein Auto über die Stelle an der ich eben stand. Erschrocken drehe ich mich um, muss dann aber unwillkürlich grinsen. Der Teufel hat noch was mit mir vor, sonst wäre ich eben plattgemacht worden... Obwohl mir der Tod willkommen wäre. Vieles wäre mir willkommener als gleich wieder im Haus meines Vaters zu sein.

Ja, mit den ständigen Erwartungen und dem Druck meines Vaters fing eigentlich alles an. Darum wollte ich erst berühmt werden, weil man damit viel Kohle verdient. Ich wollte unabhängig sein. Meine Liebe zur Musik machte mir klar, dass ich Musiker werden will. Doch es ist ein Fehler. Mein Vater nimmt mir immer das, was ich begehre, oder das was mir Freude bereitet. Er verbot mir die Band und meine Träume. Aber ich habe mit der Zeit gelernt. Sein Verbot hat mich nur in meinem Willen bestärkt. Ich werde mein Ziel erreichen und sein Haus verlassen. Auch wenn ich dafür den Kontakt zu ihm und meiner Mutter opfern muss... Wie schwer es mir auch fällt, ich werde aus seinem Käfig ausbrechen!

Ich schleiche die Treppen nach oben nachdem ich lautlos die Tür hinter mir geschlossen habe. Mit einem geübten Sprung lasse ich die knarrende sechste Stufe hinter mir, denn ich kann jetzt nicht noch eine eisige Unterredung mit meinem Vater gebrauchen. Oben angekommen streife ich die durchnässten Chucks von den Füßen und lasse die Daunenjacke mitten im Raum liegen. Ich werfe ich mich sofort auf mein Bett und bleibe regungslos liegen. Zu viele Gedanken schwirren in meinem Kopf herum und verschwimmen mehr und mehr zu einer undurchsichtigen Masse. Immer wenn ich versuche einen von ihnen zu erfassen, entgleitet er mir. Ich verstehe das nicht. Aber... eigentlich...

Ich habe Aki noch nie mit einer Freundin gesehen. Er war immer Single soweit ich weiß. Er hat alle meine bisherigen Freundinnen gehasst. Er war der Meinung, dass sie nicht gut genug für mich wären. Ist er es denn? Bin ich schwul? Das wäre nicht weiter verwunderlich. Der missratene Ylönen Sprössling ist nicht mal in der Lage heterosexuell zu sein. Was für eine Ironie. Und überhaut! Wieso bleibe ich so gelassen? Wenn ich wirklich schwul sein sollte, ist gerade der schlimmste Alptraum eines jeden Jugendlichen eingetreten. Welcher Junge findet sich schon sofort damit ab, dass er auf seinen besten Freund steht, der ihn auch noch geküsst hat? Ach, stimmt ja... ich bin kein ‚normaler’ Jugendlicher. Ich bin ein Fehltritt meines Vaters. Wahrscheinlich wurde meine Eizelle von einem behinderten Spermium befruchtet. Immerhin ist jedes zehntes Spermium leicht geschädigt...

Als die Tür aufgeht zucke ich erschrocken zusammen. Ich weiß nicht, ob ich geschlafen habe, oder wie lange ich schon hier liege. Blind kneife ich die Augen zusammen. Ich habe zu lange aus dem schräg über mir liegenden Fenster in den weißen Himmel gestarrt. Tränen laufen über mein Gesicht. Hemmungslos. Ich bin schwach. Schwach und verdammt verzweifelt.

Ich vergrabe mein Gesicht in Hannahs Halsbeuge und schluchze, wie ein kleines Kind. Unglaublich, dass ich vor einem Tag so bei Aki lag... Aki... was machst du gerade? Hasst du mich jetzt?

„Hannah... wieso ist alles nur so kompliziert...?“ Meine Stimme klingt belegt und kratzig.
„Das Leben ist kompliziert, weil wir es selbst dazu machen. Das war es schon immer und niemand kann es ändern, Brüderchen...“ Ihre Hand in meinem Haar beruhigt mich ungemein. Eigentlich war sie mir mehr Mutter als Liisa Ylönen. Aber ich weiß, dass auch das nur an meinem Vater liegt. Er erlaubt meiner Mutter nicht so einen Abschaum wie mich zu lieben.
„Warum hasst Vater mich nur?“, frage ich und lasse kraftlos den kopf hängen. Es ist stil. Ich höre Hannah neben mir atmen.

„Er hasst dich nicht, Lauri... Er sorgt sich nur zu sehr um dich...“ Es klingt fragend, zögernd. So als ob sie sich selbst von der Wahrheit ihrer Worte überzeugen müsse. Sie lügt, ich weiß es. Und sie weiß, dass ich es weiß. Die Stille wird drückend. Sie geht stumm auf die Tür zu und bleibt kurz stehen als wolle sie noch etwas sagen, setzt sich dann aber wieder in Bewegung und verlässt mein Zimmer. Die Wut kocht wieder in mir hoch. Mein Körper zittert vor Anspannung. Fest grabe ich die Zähne in meine Unterlippe, die augenblicklich aufreißt. Letztes Jahr hat Aki meine malträtierten Lippen mit Labello verarztet... Haben mich seine Berührungen damals schon so aus dem Konzept gebracht? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Mein Kopf ist schwer und schmerzt dumpf. Ich starre wieder aus dem Fenster über mir. Der Schnee hat sich darauf abgelagert und verdeckt mir die halbe Sicht.

„Aki... was passiert mit uns?“


[ aus Aki´s Sichtweise]

Vorsichtig schließe ich die Tür hinter Lauri. Ich zittere, auch wenn ich gerade den kalten Winter ausgesperrt habe. Ich lehne mich mit dem Rücken an die Tür und lasse mich daran herabgleiten, bis ich auf dem Boden sitze. Meinen Kopf in den Händen vergraben, mit wirbelnden Bildern vor Augen hocke ich da. Was soll ich nur tun? Die so lange unterdrückten Gefühle lassen sich nicht mehr zurückhalten. Wie unter einer Flutwelle werde ich von ihnen begraben.

~Bis dann... A- aki...~

In Endlosschleife höre ich diesen gehauchten Abschiedssatz. Wie du meinen Namen ausgesprochen hast. Als würdest du dich davor fürchten. Es tut weh. Zwei Figuren hängegeblieben in der Zeit. Wir können weder vor noch zurück...

Und das Einzige, was mir bleibt bis wir und wiedersehen, ist mein Gebet. Dieses eine Wort, dass ich bevor ich einschlafe vor mich in flüstere...

~Lauri~

...Ich liebe dich.




Part 7- run away

[ aus Lauri´s Sichtweise]

“…und wenn Herr Ylönen sich dazu bequemen würde dem Unterricht zu folgen, wären ihm seine schlechten Zensuren sehr dankbar.“

Erschrocken reiße ich den Kopf von den Armen, die ich in der Hoffnung den mit Weinen versäumten Schlaf irgendwie nachzuholen, auf die Tischplatte gebettet hatte. Das grelle Licht der hässlichen Neonröhren, die dicht unter der Decke baumeln lassen mich kurz geblendet die Augen zusammenkneifen. Da kriegt man ja direkt Kopfschmerzen...

„Haben sie nun vor ihre Ohren zu benutzen und nicht zu schlafen? Es sind ohnehin nur noch ein paar Minuten.“ Vanteruus Stimme hallt in meinem Kopf wider und lässt mich leidend das Gesicht verziehen. Ich reagiere schon seit ich diesen Sklaventreiber kenne allergisch auf diese arrogante Stimme. Ich nicke kurz und starre pseudo- fasziniert auf die eng beschriebene Tafel. Na toll. Das schreibe ich jetzt aber nicht ab. Vanteruu dreht uns wieder den Rücken zu und doziert ungestört weiter, während er noch etwas an die Tafel kritzelt. Mit zusammengepressten Lippen drehe ich mich um und beobachte Janne, der an seinem Tisch ganz hinten am Fenster offensichtlich seinen Rausch ausschläft. Das ist ja wohl nicht sein Ernst. Und ich darf nicht schlafen...? Paulis Hand auf meiner Schulter reißt mich aus meinem Wutausbruch.

„Du siehst scheiße aus, Alter. Wie viel hast du gestern gesoffen?“, flüstert er leise und heftet seinen Blick starr an Vanteruus Rücken.
„Ich habe geweint. Die ganze Nacht.“, sage ich frei heraus. Paulis Finger graben sich in mein Schlüsselbein, während er verzweifelt versucht einen Lachanfall zu unterdrücken. Sein Gesicht läuft rot an und Tränen steigen ihm in die Augen, als er sich bemüht ruhig zu atmen, was ihm aber zu meiner Genugtuung nicht gelingen will.
„Nee, jetzt echt mal... hihi... Was hast du gemacht?“, kommt es gepresst von meinem Sitzpartner.
„Ich habe nachgedacht.“ Vielleicht ist diese Variante zufriedenstellender. Anscheinend nicht. Pauli kann sich nicht mehr zurückhalten und bricht laut prustend zusammen. Manchmal frage ich mich, warum alle meine Freunde solche Klötze sind... Jedenfalls fast alle meine Freunde...

„Shhhht!“, mache ich und presse ihm die Hand auf Mund und Nase. Hoffentlich erstickt er bevor Vanteruu etwas merkt... Nein. Natürlich nicht. Aber es ist Glück im Unglück. Gerade als sich Vanteruu zu uns umdrehen will, läutet die Pausenglocke. Er hat keine Chance mehr uns zu erwischen. Jeder ist damit beschäftigt seine Sachen zusammenzupacken und so schnell wie möglich aus dem stickigen Raum zu flüchten. Sein Versuch uns mitzuteilen, was wir auf haben, geht in lauten Gesprächen und dem Scharren der Stühle unter. Ich schmeiße meinen Bleistift in den schwarzen Rucksack, schwinge ihn über die Schulter und dränge mich raus ohne Pauli oder Janne eines Blickes zu würdigen. Mitten auf dem Schulhof bleibe ich stehen. Alle haben die Köpfe eingezogen und versuchen möglichst schnell in den Schulkomplex zu kommen, in dem ihre nächste Unterrichtsstunde stattfindet. Der Schnee nimmt mir fast die Sicht. Ich muss ihn finden...

„LAURI!“

Ich wirble herum und versuche hinter dem Flockenschleier etwas zu erkennen. Da. Ein erhobener Arm.

„AKI!“

Schon fast verzweifelt rufe ich seinen Namen. Ich bahne mir einen Weg durch die Schülerschaft und stütze mich schließlich schwer atmend auf ihn. Die warmen Dunstwölkchen vor meinem Gesicht verschleiern ihn. Mit klappernden Zähnen wickle ich den Schal enger um den Hals und ziehe mir die Mütze über den Kopf.

„Komm, gehen wir rein. Es ist arschkalt.“, ertönt Akis angenehme Stimme dicht an meinem Ohr und ich kann spüren, wie er zögerlich nach meiner Hand sucht. Als seine Finger sachte meine berühren, fangen sie angenehm an zu kribbeln. Ein schwindelerregendes Gefühl macht sich in meiner Baugegend breit, als ich schüchtern seine Finger drücke und er plötzlich fest meine Hand ergreift und mich hinter sich her zieht. Ich folge ihm. Ich würde überall mit ihm hingehen. Wir laufen durch die Eingangshalle und quetschen uns an den schwatzenden Grüppchen vorbei, die sich dort angesiedelt haben. Im Flur des zweiten Stockwerkes bleiben wir vor einem Fenster stehen. Sofort öffne ich es und krame in meiner Tasche nach den Kippen. Das ist ‚unser’ Fenster. Wir sind die Einzigen, die wissen, dass sich dieses Fenster öffnen lässt. Alle anderen Fenster der Schule sind gesichert. Ich weiß nicht warum. Vielleicht damit keiner mal eben vom Sims hüpft um seinem beschissenen Leben zu entkommen...

„Mist!“ Ich klemme mir die Kippe zwischen die Lippen und suche noch mal sorgfältig in meinen Jackentaschen nach dem verdammten Feuerzeug. Ein leises Knirschen und schon wird mir ein Feuerzeug entgegengehalten. Ich beuge mich vor und ziehe am Filter.

„Du vergisst dein Feuerzeug immer...“ Akis Stimme ist nur ein leises Flüstern. Geistesabwesend stopft er das blaue Feuerzeug wieder in die Hosentasche und fixiert mich.

„Gib mal her.“ Unfähig zu reagieren lasse ich mir die Zigarette wegnehmen und sehe Aki dabei zu, wie er die Augen schließt und einen tiefen Zug nimmt. Langsam lässt er den weißlichen Dunst aus dem Mund entweichen und beobachtet mich mit gesenkten Wimpern. Mit wird heiß. Obwohl der schneidende Wind gerade Schneeflocken in den Gang weht, wird mir furchtbar heiß. Erst Akis Seufzen durchreißt die Stille. Lässig lehnt er sich an die Wand neben dem Fenster und schnippt die Asche nach draußen.

„Das ist typisch für mich.“ Er lacht leise und fährt sich über das Kinn.
„W- wie meinst du das...?“, frage ich vorsichtig. Hektisch zieht er ein weiteres Mal an der Kippe, verschluckt sich fast.
„Ich laufe vor allem weg. Vor Problemen, vor Auseinandersetzungen, vor meinen Gefühlen... vor dir.“ Mein Herz fängt an schneller zu schlagen. Die Situation ist so surreal. Es ist so, wie in einem Traum. Alles scheint einen Sinn zu haben, aber man weiß genau, dass es eigentlich absolut unlogisch ist. Ich lehne mich neben ihn an die Wand und sehe ihm dabei zu, wie er die Kippe aus dem Fenster wirft. Er dreht sich zu mir um. Ich versinke fast in seinen Augen. Meine Wange brennt unter seiner Handfläche. Ohne weiter nachzudenken, ziehe ich ihm die Brille von der Nase und halte die Luft an. Unsere Nasenspitzen berühren sich kurz und meine Beine versagen. Ich klammere mich an Akis Schultern fest, schließe die Augen und lege den Kopf schief. Ich bin nicht überrascht. Irgendwie habe ich es die ganze Zeit über gewusst. Ich war mir sicher, dass er mich küssen würde...

Zärtlich streifen seine Lippen über meine. Kurz hält er inne. Ich kann seinen Atem spüren. Er zögert, weiß nicht, ob er es wagen soll. Unruhig verlagert er sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Dann spüre ich wieder seine weichen Lippen, die er entschlossen auf meine presst. Einem Impuls folgend öffne ich den Mund leicht und lasse seine Zunge ein. Schüchtern stupst er meine Zunge an, die sofort mit seiner in einen Tanz verfällt, der immer wieder erneuert wird. Er legt seine Arme um meine Hüften und zieht mich an sich. Mein Seufzen vermischt sich mit dem Kuss. Jetzt weiß ich, wie schön das ist. Es scheint Ewigkeiten zu dauern, bis wir unser Zungenspiel unterbrechen und laut nach Luft ringend verharren. Stirn an Stirn, Mund an Mund.


„Warum hast du das getan?“

„Ich glaube, ich wollte einfach wissen, wie es ist...“

„... und?“

„Weißt du, wie sich Perfektion anfühlt?“




Part 8- secrets

„...Keine Zeit irgendwas zu tun! Nichtsnutzig.... Verschlingt nur mein Geld!... Rauswerfen!! Den kleinen Idioten...!!“

Ich sitze in meinem Zimmer und starre mit zurückgelegtem Kopf aus dem schrägliegendem Dachfenster. Schon wieder. Von unten dringt die hasserfüllte Stimme meines Vaters zu mir, kriecht unter der Tür hindurch und versucht mich zu verletzen. Kurz schüttle ich den Kopf, verbanne das Keifen und die Satzfetzen aus meinen Gehörgängen, aus meiner schönen Phantasie, die er eben kurzzeitig unterbrochen hat.

„Ich liebe dich... ich liebe dich... ich liebe dich... ich liebe dich...“

Leise flüstere ich diese drei Worte immer wieder vor mich hin. Ich schließe die Augen und befinde mich wieder in der Jungentoilette unserer Schule. Sie ist menschenleer. Doch plötzlich bricht sich leises Gemurmel an den zersprungenen Fliesen. Ganz hinten, in der letzten Kabine, hat mich Aki gegen die Wand gedrückt und küsst mich. Immer wieder. Verlangender. Er haucht mir meinen Namen ins Ohr, schickt ein Kosewort hinterher. Ich lehne mich an seine Wärme, an seine Zärtlichkeit. Er war immer der Einzige, der so mit mir umgegangen ist.

Ich lasse ihm die Führung, lasse ihn meine Hände festhalten und gegen die bekritzelte Trennwand hinter uns pressen. Ich spüre tiefe, ehrliche Zuneigung. Sie flutet in gleißenden Lichtwellen durch meinen Körper und erfüllt mich mit Glück. Ich bin so glücklich, dass es mir Angst macht.

„Lauri...“ Das zaghafte, kaum hörbare Pochen an dem weißlackiertem Holz meiner Zimmertür reißt mich aus meiner süßen Erinnerung. Schnell stehe ich auf und knie mich vor der Tür auf den Boden.

„Mama...?“, frage ich so leise wie möglich. Sie unterdrückt ein Schluchzen, fängt sich schnell wieder. Ich kann es hören, wüsste es auch ohne sie zu hören.
„Es gibt Abendessen, mein Schatz... Komm bitte runter, sonst wird dein Vater wieder wütend...“ Die letzten Worte spricht sie so leise, dass sie kaum mehr durch das Holz dringen.

Die Tür knarrt ein wenig, als ich sie öffne und meiner blassen Mutter gegenüberstehe. Sie blickt mich aus ihren großen grünen Augen an, die vom vielen Weinen trüb geworden sind. Die Augen, die einst gestrahlt haben und auf den alten Fotos so glücklich aussahen... Meine Augen. Ich mustere sie. Eine hübsche Frau. Ja, sie ist sehr schön. Das blonde, gelockte Haar fällt ihr locker auf die Schultern, sie ist schlank und hat schöne Hände. Aber sie wirkt so unendlich traurig, dass es fast so aussieht, als würde eine graue Wolke über ihrem Kopf schweben und einen tiefen Schatten auf ihre zerbrechlichen Züge werfen.

„Ich gehe zu Aki. Hannah ist doch auch bei einer ihrer Freundinnen.“ Meine Schritte lenken mich an ihr vorbei, die Treppe runter, zum Kleiderständer. Ich lasse sie vor meinem Zimmer stehen, mit ihrer großen selbstgeschaffenen Wolke, die auf ihren Schultern lastet. Schnell streife ich mir die schwarze Daunenjacke über und binde mir die Chucks mit den unterschiedlich langen Schnürsenkeln.

Sobald die Tür hinter mir ins Schloss gefallen ist, beginne ich zu rennen. Ich renne, so schnell ich kann und rutsche fast auf dem matschigen Schnee aus, der die Straßen bedeckt. Laut hupend rast ein Auto an mir vorbei, hätte mich fast mit sich gerissen.

Schweratmend bleibe ich vor Akis Haustür stehen und verharre ohne zu läuten in der Kälte. Ich presse die Lippen so fest aufeinander, dass ich Blut schmecke. Hinter dem milchigen Glas der Tür bewegt sich ein Schatten. Dann wird sie aufgerissen.

„Um Himmels Willen! Lauri!“ Erschrocken taumle ich einen Schritt zurück und falle fast die drei Stufen vor Akis Haustür wieder runter. Akis Mutter steht händeringend in der Tür, während ich mich langsam wieder auf die Beine ziehe. Zum Glück konnte ich mich gerade noch am Türrahmen festhalten...

„Meine Nerven, meine Nerven... Geht es dir gut?“ Ich nicke leicht und betrachte meine aufgerissenen Fingerkuppen. Akis Mutter hat mich ins Haus gezogen und beginnt wie ein aufgescheuchtes Huhn um mich herumzuwuseln.
„Du blutest ja!!! Das haben wir gleich... Oh, Aki, da bist du ja!“ Aki, der von ihrem Schrei angelockt wurde, stellt sich neben sie und zischt leise bei dem Anblick meiner Finger. Ohne weiter nachzudenken werfe ich mich in seine Arme und vergrabe mein Gesicht in seiner Halsbeuge.

„Ist schon gut, Ma. Geh wieder zu Dad ins Wohnzimmer. Ich kümmere mich jetzt um Lauri...“ Mit diesen Worten, schiebt mich Aki zärtlich die Stufen hinauf in sein Zimmer. Wir hören die Schritte seiner Mutter, die wirklich wieder ins Wohnzimmer geht und das leise Fernsehgeräusch, das aus dem Raum dringt, als sie kurz die Tür öffnet um hineinzugehen.

„Tut es sehr weh...?“, fragt Aki und zieht meine Hände zu sich um sie zu begutachten.
„N- nicht sehr...“, stottere ich und mir wird bei seinen Berührungen heiß.
„Ich...“, er unterbricht sich und küsst vorsichtig die verletzte Fingerkuppe meines Zeigefingers,“... habe...“, er wiederholt die Liebkosung beim nächsten Finger,“... dich...“, ich werde rot, als er einen Kuss auf meine Handfläche drückt,“... vermisst.“

„Ich dich auch...“, murmele ich leise, und blicke verlegen auf seine Socken, während Aki fortfährt meine malträtierten Finger zu ‚verarzten’. Mit einer plötzlichen Bewegung zieht er mich an seine Brust und schließt seine Zimmertür hinter seinem Rücken.

„Ich liebe dich, Lauri... Ich liebe dich...“ Finde mich auf seinem Bett wieder. Er hat mir die Jacke von den Schultern gestreift, meine Schuhe liegen achtlos in einer Ecke. Wieder seine Lippen. Er küsst meine Stirn, meine Nase, meine Wangen, meinen Mund... Seine Lippen wandern über meinen Hals. Ich schließe die Augen und gebe mich seinen liebevollen Berührungen hin. Irgendwann döse ich ein und merke am Rande, wie er meinen Kopf auf seine Brust bettet und die Decke über uns ausbreitet.

Ich dämmere eine Zeit lang mit halbgeschlossenen Augen vor mich hin und versuche die wirren Gedanken und Farben in meinem Kopf zu ignorieren. Unter meinem Ohr höre ich seinen Herzschlag, der unerschütterlich und regelmäßig zu sein scheint. Dieses Geräusch wirkt ungemein beruhigend auf mich. Seufzend lege ich die rechte Hand auf seinen Bauch, wobei ich leicht das Gesicht verziehe.

„Du hast also doch Schmerzen. Mein kleiner Dickkopf...“ Er hat es also bemerkt. Seine Finger streichen mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und bleiben auf meiner Wange liegen. Dann rollt er sich auf die Seite und lässt mich auf ein Kissen sinken.

„Bin gleich wieder da. Warte hier auf mich und lauf nicht weg...“, fügt Aki mit einem Grinsen hinzu.
„Wohin denn...?“, frage ich mehr für mich und merke, wie sich meine Augen mit Tränen füllen, die Aki aber nicht mehr sieht, da er schon gegangen ist.
„... Du bist doch der Einzige, zu dem ich mich flüchten kann...“, flüstere ich gegen das Bettlaken, während die Tränen an meinen Wangen herablaufen und auf den roten Stoff fallen.

Aki kommt wieder ins Zimmer und hält einen kleinen schwarzen Beutel in der Hand. Er setzt sich wieder neben mich auf das Bett und sieht mich besorgt an, als er meine Tränen bemerkt. Ich schluchze und lege meinen Kopf in seinen Schoß. Er geht nicht weiter darauf ein. Sagt nichts, lässt mich einfach weinen.

Irgendwann habe ich keine Tränen mehr zu weinen und schniefe leise vor mich hin, während Aki den schwarzen Beutel öffnet, eine Salbe und Pflaster herausholt und meine Verletzungen versorgt.







Miau...^-^ naaaaaaaaaaaaaaaaaaa???